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Episode #24Episode #24Kommerzialisierung von IIoT Geschäftsmodellen – Support Ticket System, externe Wetterdaten und Qualitätsüberwachung

Zusammenfassung des Interviews

Der erste Use Case handelt von der Zusammenarbeit der Software AG mit dem Kompressor Hersteller Denver Gardner. Dieser hat weltweit 16 Brands, für die die Software AG das System und eigene Mandate liefert. Bernd Gross erklärt, mit welchem Geschäftsmodell sie arbeiten, und wie durch Technologie Mehrwerte erzielt werden, von denen auch der Endkunde profitieren kann.

 

Im zweiten Use Case geht es um das Beispiel des Schweizer Rollladen Herstellers Griesser, welcher sich auf Beschattungen im Industriebereich spezialisiert hat. Da durch Unwetter bisher regelmäßig hohe Versicherungsschäden entstanden, hat das Unternehmen sein Geschäftsmodell um einen digitalen Service erweitert. Bestand das Kerngeschäft zunächst nur aus der Herstellung und Lieferung der Rollläden, so können diese nun wetterdatenbasiert hochgefahren und dadurch Unwetterschäden vermieden werden.

 

Abschließend berichte Bernd Gross vom Use Case eines Kupferkabelherstellers, welcher EDGE Realtime Analytics verwendet, um Qualitätsprobleme schneller zu erkennen, und seinen Ausstoß zu reduzieren. In diesem Kontext schlagen Madeleine Mickeleit und Bernd Gross unter anderem den Bogen zum Thema Nachhaltigkeit. Ein Bereich, in dem es spannende Lösungen gibt, der durch IoT-Anwendung enorm profitieren kann und zudem äußerst relevant ist.

 

Drum herum streifen wir die Themen der drei Phasen einer IoT-Integration, wie aus Bernd Gross Sicht digitale Transformation gelingen kann und wo heute die Software AG Cloud Lösungen als Whitelabel zum Einsatz kommen.

 

Die Software AG hat den Sitz in Darmstadt und gehört zu den Weltmarktführern für Software- und Integrationslösungen und verbundene Dienstleistungen. Sie fördert die digitale Transformation von Unternehmen und ermöglicht eine schnelle Innovation im Internet der Dinge, damit Kunden agile Pionierarbeit in differenzierten Geschäftsmodelle leisten können. Dafür bringt das Unternehmen die Freiheit mit, jegliche Technologie von der App bis zur EDGE zu verbinden und zu integrieren. Die Software AG hat knapp 5.000 Mitarbeiter und ist in 70 Ländern aktiv.

Podcast Interview

Bernd: Unsere Marktversion ist eine ganzheitlich vernetzte Welt. Also nicht nur Konnektivität, sondern auch im B2B Kontext, auf die Enterprise IT bezogen. Das ist unsere Stärke, wo wir schon unheimlich viele Kunden haben. Diese Stärke kombinieren wir nun mit unseren Cloud-Angeboten. Das ist unser USP, den viele Kunden schätzen. Und ein IoT-Projekt ist IoT auf der einen, aber Integration auf der anderen Seite – Integration in die Prozesse, Integration der Mitarbeiter, der neuen Geschäftsmodelle. Das spielt eine wichtige Rolle, und da sind wir einer der weltweit führenden Software Provider, mit der speziellen Kombination IoT und Integration.

 

Madeleine: Jetzt spreche ich in meinem Podcast ja speziell über das Thema Industrial IoT. Letztendlich ist es ja auch nichts anderes als eine digitale Transformation, die ich mit meinem Unternehmen gehe. Wie sieht dort deine aktuelle Einschätzung für den deutschen Markt und die Kommerzialisierung dieser Projekte aus? Wie ist der aktuell Status Quo?

 

Bernd: Ein anschauliches Beispiel dafür ist Tesla. Denn was Tesla geliefert hat, ist eine Kundenexperience, die über Softwareupdates alle paar Wochen verbessert wird. Ich bekomme alle zwei Wochen ein neues Softwarerelease, neue Funktionalitäten, neue Spiele etc., immer up-to-date. Seit neulich kann ich z. B. in meinem Radarsystem zwischen den verschiedenen Fortbewegungsmöglichkeiten auswählen, das wurde mit dem letzten Update eingespielt. Das ist eine spannende Sache, wenn man nun bedenkt, dass Tesla ein serviceorientiertes Geschäftsmodell hat und sich nicht als Automobilhersteller im klassischen Sinne sieht.

Der Volkswagen ID.3 hingegen ist, als Flaggschiff der Elektromobilität von Volkswagen, sicherlich auch ein super Auto, kann aber keine Softwareupdates liefern. Um eine neue Software aufspielen zu lassen, muss man in die Garage zum Händler fahren.

Man sieht, es muss sich etwas bewegen. Ein OEM im Mittelstand, ein Maschinenbauer, ein Kompressor Hersteller (z.B. Gardner- Denver, einer unserer Kunden), die müssen einfach mehr Softwaredenken, valuegetrieben über Technologie. Das ist, was den Markt im Moment umtreibt.

 

Madeleine: Im Maschinenbau ist es häufig so, dass ich mit meiner Maschine auch einen digitalen Service mitvertreibe. Diesen muss ich aber mit meinem Kunden erstmal entwickeln. Bestehen da am Markt schon funktionierende Modelle? Wo stehen wir da?

 

Bernd: Was wir hier besprechen, ist eine digitale Transformation. Durch IoT wird die Digitalisierung vom Backoffice ins Frontoffice gebracht, Richtung Digitalisierung, Maschinen und physikalische Welt. Das ist im Prinzip eine neue Generation der Digitalisierung. Jetzt geht es darum, diese Transformation als Unternehmen positiv zu gestalten. Eine Methodik, die mitentscheidet, ob das Projekt erfolgreich wird oder nicht, ist die Co-Innovation mit dem Endkunden. Wenn ich diese nicht von Anfang an mit aufsetze, habe ich schon einen schwierigen Start. Dann ist aber sicherlich auch die Agilität wichtig, dass man sich kontinuierlich verbessert. All das sind wichtige Punkte, aber am wichtigsten ist es den Endkunden mit einzubinden, sonst kann ich mich als Unternehmen nicht transformieren. Wir sagen unseren Kunden teilweise, wir machen nur Co-Innovation mit ihnen, wenn sie ihren Endkunden direkt mit einbinden.

 

 

Madeleine: Um euer Geschäft nochmal ein Stück weiter zu verstehen, hast du da ein Beispiel? Kannst du uns einen Use Case aus der Praxis mitgeben, um zu zeigen, welche Rolle ihr als Software AG einnehmt?

 

Bernd: Ein Beispiel aus dem mittelständischen OEM Umfeld ist der Kompressor Hersteller, Gardner Denver, der seit einigen Jahren Kunde von uns ist. Er ist mit 20.000 Kompressoren weltweit angebunden, und muss durch Vernetzung für den Endkunden Mehrwerte schaffen.
Dafür haben sie mit einfachen Monitoring Diensten angefangen und nach und nach weitere Tools von uns eingebunden.

Gardner Denver ist weltweit mit über 16 unterschiedlichen Brands tätig, für die sie digitale Service liefern müssen. Da haben wir als native, multimandatfähige Plattform natürlich die Möglichkeit, für jede Brand ein Mandat zu liefern.

Letztendlich ist das jedoch ein geschlossenes System. Wir brauchen nicht unterschiedliche Systeme pro Brand, man kann alles mit einer Instanz und einem System anbieten. Das ist eine schrittweise Reise, die man gemeinsam durchlebt. Die fängt bei der Konnektivität an, geht über das Dashboarding und Monitoring. Jetzt haben wir grade ein Predictive Maintenance Modul herausgebracht, als zusätzlichen Mehrwertdienst.


Madeleine: Du hattest grade gesagt, im Endeffekt geht es für den Kunden darum, Mehrwerte zu schaffen. Wie sieht denn so ein Geschäftsmodell jetzt aus, geht das in Richtung Paper Use?

 

Bernd: Die haben ein Freemium-/ Premium-Modell, d.h. die Konnektivität ist kostenlos und gehört zum Angebot. Weitere Leistungen, wie Predictive Maintanance, Paper Use oder Premiumservices werden zusätzlich vermarktet. Das funktioniert über eine monatliche Subscription Fee, wie hoch diese ist kommt darauf an. In den Fabriken im Kompressor Umfeld, das sind ja teilweise riesengroße Räume, wo ganz viele Kompressoren stehen. Die können die Predictive Maintenance für die gesamte Anlage mit Ventilen und Kühlanalagen bieten, für die gesamte Installation. Das hat erhebliche Mehrwerte, und da ist es so, dass sie das separat verkaufen.

 

Madeleine: Vorher muss ja jemand diese Dinge manuelle abgewickelt haben. Jetzt habe ich die Konnektivität zu meinem Kompressor und ein neues Modell, dass ich anbiete. Wer ist da der Endnutzer? Ist das eine Service-Mitarbeiter, oder für welche Persona schafft man da den Mehrwert?

 

Bernd: Genau, für den Service-Techniker und den Service-Experten vor Ort. Beim trouble Ticketing System wird das dann über eine Beachrichtigung abgewickelt. Die erste Persona ist wirklich derjenige, der den Service, das Maintenance macht. Aber auch derjenige, der die Produktionskennzahlen haben möchte. Der Produktionsmanager hat z.B. auch ein Dashboard. Es entwickeln sich also über die Jahre die unterschiedlichsten Personas um die digitalen Services, Dienste und Applikationen um den Kompressor herum.

 

Madeleine: Das ist ja auch eigentlich der Kernmehrwert des IoT. Denn über ein Ticketsystem oder einen VPN Tunnel eine Anlage zu warten, das hat man auch schon vorher gemacht. Jetzt wäre der Mehrwert ja auch ein Stück weit, mit den Daten zu arbeiten, und noch zusätzliche Mehrwerte zu schaffen. Wie du gesagt hast, da ist z.B. der Produktionsmanager, der durch bestimmte Datenkorrelationen zusätzliche Insights sieht, und dadurch wieder Potenzial für Kostenersparnis hat.

 

Bernd: In vielen Anlagen gibt es die Situation, dass man ein Ersatzgerät hat, falls etwas ausfällt. Die Techniker schließen dann die Technik aus der Anlage an ein anderes Gerät an, um die Ausfallzeiten zu verkürzen. Je besser Predictive Maintenance nun wird, umso weniger Bedarf an einem Spare Part Kompressor ist vorhanden. Das sind schon erhebliche potenzielle Einsparungen, die man dann auch den Endkunden bieten kann.

 

Madeleine: Jetzt hast du ja gesagt, ihr seid diese Reise mit dem Kunden über zweieinhalb Jahre gegangen. Denn man fängt ja nicht direkt mit Predictive Maintenance an, sondern braucht erstmal Daten, mit denen man arbeiten kann. Ist das aus deiner Erfahrung heraus, der Zeitraum, den es auch dauert, sowas zu entwickeln, und solche Lösungen zu integrieren?

 

Bernd: Im Prinzip sehe ich drei typische Phasen in einem Iot-Projekt. Die erste Phase ist die Anbindungsphase („Stand-alone“), wo ich eine einzelne Applikation fokussiere. Unabhängig von den IT-Systemen und anderen Prozessen, baue ich eine Insellösung auf. Einfach, um ein Gefühl zu bekommen, die Anbindung zu realisieren und die erste Applikation zu managen. Das sind so die ersten sechs bis neun Monate. Wenn ich das aufgesetzt habe, dann habe ich auch ein gewisses Gefühl für die Komplexität. Weil, das ironische ist ja, so ein IoT-Projekt erhöht am Anfang zunächst die Komplexität, durch die neue Datenvernetzung. Denn ich muss sichterstellen, dass diese kontinuierlich zur Verfügung steht. Ich muss mich auf die neuen Daten verlassen können, bevor ich beginne die Prozesse zu optimieren.

Das ist die zweite Phase, die dauert auch nochmal sechs Monate. Dort werden die Daten in die existierenden IT-Landschaft integriert und Prozesse optimiert. Ich erhöhe Effizienz und Produktivität. Diese zweite typische Phase kann ich erst machen, wenn ich wirklich „reliable Data“ habe. Also SLA Daten, als gute Basis, die zuverlässig ist. Nur dann kann der Prozess sinnvoll optimiert werden.

In der dritten Phase geht es dann um das Thema neue Geschäftsmodelle und Innovationen. Bei Denver Gardener, hatten wir die Innovation Predictive Maintenance, des gesamten Kompressor-Raumes. Bei vielen haben wir auch neue Geschäftsmodelle, Sachen wie Acid as a Service. Die spielen auch eine Rolle. Also, zusammengefasst drei Phase: Stand-alone, Integration in die existierenden Prozesse und dann neue Innovationen.

 

Madeleine: Wie sieht du das mit bestehender Infrastruktur? Z. B. bei Kunden, die grade mit der Einführung eines MES Systems beschäftigt sind. Würdest du da ein IoT-Projekt parallel starten? Wartet man erstmal ab, bis die bestehende Infrastruktur vorhanden ist, und setze dann eine IoT-Lösung obendrauf? Wie gehe ich da vor?

 

Bernd: Beim Industrial IoT hat man die traditionelle Pyramide der Automatisierung. Das Fundament ist die Sensorik, dann kommt PLC/ SPS. Dann gibt es einen Scada-Monitoring Bereich, dann kommt das MES-System, dann ganz oben das ERP-System.

Beim IoT wird diese Pyramide geändert. Im IoT wird oft eine Distributed Architecture mit Coud und EDGE verwendet, nichtmehr diese Pyramide. Diese Kombination von Cloud und EDGE sitzt dann oft an einem MES System. Du kannst dann vor Ort schon neue Applikationen oder Analytics fahren, mit einem offenen Microservice-Konzept. Also eine Container Architecture auf der EDGE und der Cloud. Die traditionellen Automatisierungs-Projekte im IoT sind schon von vielen implementiert. Nun kommen parallel diese Architekturen dazu. Wie eine Distributed Architecture, wo ich eine offene EDGE Plattform habe und Innovationen vor Ort entwickeln kann.

Ich empfehle, sich stark auf die neuen Technologien fokussieren. Weil es einfach mehr Sinn macht, da gibt es viele Innovationen und Investments. So z.B. viele Self-Service Tools. In der alten Welt musst du alles was du im Userinterface hast, quasi selbst entwickeln. In der neuen Welt gibt es Applikationen, da kannst du einfach über Self-Services Workflows und Integrationen kreieren. Du kannst sogar deine Abrechnungs-Systeme triggern. Möglichkeiten, die dir in der neuen Welt sofort zur Verfügung stehen, müsstest du in der alten Welt teuer entwickeln.

 

Madeleine: Ja, vollkommen. Jetzt hast du ein Beispiel aus dem Kompressor-Umfeld genannt. Hast du ein anderes Beispiel, welches du uns nennen kannst, um auch nochmal ein bisschen auf andere Geschäftsmodelle einzugehen?

 

Bernd: Wir haben ja über tausend IoT-Endkunden, die unsere Technologie weltweit im Einsatz haben. Z. B. Griesser aus der Schweiz, die sich auf Beschattungen im Industriebereich fokussieren. Sie haben mit einem einfach Use-Case, einer simplen Smartphone App für elektrische Rollläden angefangen. Dann sind sie einfach weitergegangen und haben immer weitere Innovation eingebracht.

Es gibt z. B. unheimliche viele Versicherungsschäden bei Unwetter. Nun werden die Beschattungen automatisch hochgefahren, wenn ein Unwetter mit Hagel oder Sturm entsteht. Dadurch konnten sie erhebliche Einsparungen in den Versicherungsfällen erzielen. Das sind für mich relativ einfache Use-Cases, aber davon gibt es tausende, die wir in Zukunft sehen werden.

 

Madeleine: Da war vorher das Kerngeschäft im Endeffekt, die Rollläden zu liefern? Einfach als klassische Installation vor Ort, und jetzt quasi mit einem Sensor, der in die Cloud funkt? Über Mobilfunk und das korreliert mit Daten vor Ort, und auf der Cumulocity kann ich dann entsprechend einen Service nutzen, der mir sagt wie Wetterdaten und externe Daten korrelieren, oder wie funktioniert das?

 

Bernd: Ja richtig, das ist mobil angebunden. Das ist dann in der Smartphone-App integriert, und man weiß gar nicht, dass ich Cumulocity im Hintergrund nutze. Das ist vom User-Interface alles drin, und dann kann man automatisch optimieren, das ist die Idee dabei. Damit man einfach in Zukunft keine Probleme mit Wetter etc. hat. Da gibt es natürlich noch viele weitere Ideen, die in Zukunft eine Rolle spielen. Aber das ist schon ein spannendes Feld, wo du mit externen Daten quasi korrelieren kannst, und dadurch dann deine Mehrwerte bekommst.

Man denkt im industrial IoT-Bereich oft nur an die Maschinendaten, aber in Wirklichkeit muss man viel größer denken. An die Kundendaten, an die Lieferantendaten, an die Supply-chains, an ganz viele externe Daten, die ich jetzt einfach und kosteneffizient kombinieren kann. Das ist quasi ein Investment, denn wenn ich einmal so einen Weg gegangen bin habe ich nur noch APIs, die ich verbinden und da eine Logik aufsetzen kann.

Wir bieten z. B. Realtime-Streaming/ Streaming-Analytics an. Das ist ein modulares Tool, welches du einfach mit einem Klick über einen Micro-Service deployen kannst. Dann kannst du über ein User Interface deine Geschäftsregeln selber modellieren, und dann deployst du diese Regeln. Heutzutage ist der Schritt, dieses Invest zu machen, wirklich minimal. Dadurch ermöglichen wir viele Innovationen, durch diese kleinen Hemmnisse in die Richtung zu gehen.

 

Madeleine: Und vor allem auch, die Dinge zu vernetzen, so wie in diesem Falle den Sensor. Das ist ja auch kleinste Sensorik, wo ich dann auch die Möglichkeit haben, die OT- Welt über bestimmte Services mit der Cloud zu vernetzen.

 

Bernd: Ich weiß, du bist auf den Industrial IoT-Bereich spezialisiert, deshalb habe ich da noch ein paar Beispiele für dich. Aber ich sehe wirklich sehr spannende Use-Cases, die man in die Industrial IoT-Welt abstrahieren kann. Wir haben viele Telekommunikations-Kunden, die die Whitelabel-Version unserer Website nutzen, und diese selbst branden. Hier in Deutschland ist das die „Cloud of things“, in Holland die KPN, in Österreich die A1, in Australien Telsta, oder NTT in Japan. Da gibt es wirklich viele Unterschiede, die haben dann wiederum dutzende von Endkunden, die diese Plattform nutzen.

Da gibt es dann ein ganz einfaches Beispiel von KPN, Fahrrad-Versicherungen. Das läuft super in Holland, Fahrraddiebstahl ist dort ein großes Thema. Die haben ein Retrofit-Kit, das klebst du mit Industriekleber an dein Fahrrad und, das wird über Narrowband übertragen und damit sinkt deine Fahrrad-Versicherung um 50%. Die haben einen Service, dass jemand das Fahrrad danach sucht, und dafür bietet die Versicherung die halbe Versicherungsprämie an. Solch einfache Use-Cases sind stimulierend, die kann man weiterdenken und abstrahieren. Wie kann ich diese vielleicht in anderen Bereichen einsetzen? Das ist zurzeit sehr spannend. Das Wachstum des Marktes ist enorm, im letzten Quartal über 50%. Das ist natürlich eine tolle Sache, aber das spiegelt auch den Markt wieder. Wir sind wirklich im kommerziellen Deployment. Wir haben uns viele Jahre mit Piloten und Bots beschäftigt, aber das sehe ich nicht mehr.

 

Madeleine: Das ist jetzt mal der closed Loop mit dem, was ich auch meinte. Die Kommerzialisierungskurve geht jetzt so langsam nach oben. Ich bin mal gespannt, was für spannende Themen sich da in Zukunft noch auftun werden. Jetzt hast du ja auch schon verschiedene Projekte gesehen. Hast du ein paar Tipps und Tricks aus der Praxis, wo du sagst, da hätte man auf jeden Fall Fehler vermeiden und Kosten einsparen können?

 

Bernd: Ja, auf jeden Fall. Die Phasen, die wir eben schon besprochen haben, sind sehr wichtig. Jeder muss letztendlich selbst entscheiden in wie viele Phasen er das nun aufteilt, aber man sollte schrittweise denken. Die größten Fehler sehe ich, wenn Firmen jetzt mit AI-Algorithmen anfangen, die haben jetzt Daten gesucht, ein Cloud-Warehousing aufgesetzt und bauen jetzt abgedrehte Modelle. Da habe ich persönlich immer Bauchschmerzen. Weil ich weiß, man unterschätzt einfach diese neue Technologie, IoT, das Management dieser Verbindungen, damit alles auch sauber läuft. Was nutzt mir der schönste Algorithmus, wenn ich die Daten nicht in der Qualität bekomme, die ich brauche, um ihn überhaupt zu nutzen? Ich sehe große Probleme darin, dass zu ambitioniert mit futuristischen Ideen losgelegt wird.

Das zweite was ich oft sehe, sind die Business-Cases. Wenn ich davon ausgehe, dass eine Reise achtzehn bis vierundzwanzig Monate dauert, dann sollte ich das als Stakeholder-Management auch kommunizieren. Derjenige, der das IoT-Projekt verantwortet und jetzt von einem Offline- in ein Online Geschäftsmodell geht, sollte sicherstellen, dass er das solide kommuniziert, dass diese mehrjährige Reise nicht über Nacht geschehen wird. Also diese Digitalisierung der neuen Generation, die ganzheitlich vernetze Welt. Da sehe ich sehr oft, dass gar nicht die Projekte, sondern die Business-Modelle scheitern, weil man zu überambitioniert war. Das sind für mich zwei Learnings. Zu ambitioniert auf der Solution Seite, mit Artificial Intelligence etc., oder zu ambitioniert im Geschäftsmodell.

Da bin ich der Meinung, dass man einen Partner findet, der ein PSE-Use Geschäftsmodell hat. Dann kann man dieses auch nach vorne heraus anbieten, und über die Zeit wachsen. Über die Anbindung, aber auch über die Use-Cases, die Applikationen. Man sollte aber wissen, dass das seine Zeit dauert. Es ist zwar schön, dass über einen PSE-Use wiederkehrende Umsätze kommen, aber wiederkehrende Umsätze sind schwieriger zu erarbeiten als Onetimer. Das richtig zu kommunizieren, ist nicht immer einfach. Gerade Maschinenbauer denken immer in Multimillionen oder Milliarden. Wenn sie verhältnismäßig kleine Zahlen bei wiederkehrenden Umsätzen sehen, dann fehlt ihnen die Vision. Dass da nun irgendwann ein exponentielles Wachstum kommt, und wiederkehrende Softwareumsätze eine ganz andere Profitabilität haben als z.B. ein einmaliger Maschinenvertrieb, das sind schwierige Diskussionen, wo sich Unternehmen schwertun.

 

Madeleine: Ja, vollkommen. Ich hatte in einer meiner letzten Sessions die Incentivierung des Vertriebes auch schon kurz angeschnitten. Das ist dann natürlich auch eine ganz andere Zielsetzung. Denkst du es macht Sinn, so etwas vom Kerngeschäft abzulösen? Das sind natürlich große Strategische Entscheidungen, von der Geschäftsführung her. Aber es sind ja oft zwei Welten, von der offline in die Online Welt, denkst du es macht Sinn, das vom Kerngeschäft zu lösen? Eine eigene Gesellschaft zu bauen, und da die internen Strukturen drauf zu bauen?

 

Bernd: Das ist die Frage, man kann das wahrscheinlich nicht so generisch beantworten. Ich glaube diese neue Digitalisierung fordert einen CEO- Buyin. Das ist ein Chef-Thema, was kein Projektteam machen sollte. Das heißt, es geht eigentlich um das Überleben des Unternehmens. Wenn ich mich nicht anpasse und die neuen Strukturen erstelle, dann habe ich höchstwahrscheinlich auch ein Problem mit meinem Core-Geschäft in der Zukunft. Ich kann nicht mehr offline denken und irgendwas verkaufen, ohne die Experience zu managen. Ich muss neu denken und das neu aufsetzen, das macht es für mich zu einem Chef-Thema. Das muss im Vorstand, beim CEO präsent sein und incentiviert werden. Für viele Firmen bedeutet das, es ist Teil des Kerns, und da tun sich viele schwer. Die neuen Strukturen passen nicht in die alten. Von daher, muss da ein Excecutive-Buyin entstehen.

Dieser wird benötigt, damit ich das Projekt erfolgreich umsetzen kann. Wie ich das löse, hängt ein bisschen von der Industrie ab, da gibt es unterschiedliche Ansätze. Im Retail Bereich wird das innerhalb der Organisation gelöst, im Maschinenbau gibt es separate Software-Units. Volkswagen hat z. B. siebenundsiebzig unterschiedliche Software-Teams, die haben sie jetzt fusioniert. Was ich bei Volkswagen gut finde, dass z.B. Herbert Diess, der CEO von Volkswagen voll dahintersteht. Das ist sein Chef-Thema, er und transformiert das Unternehmen. Das ist für mich das primär Entscheidende. Wie ich das dann letztendlich finalisiere, das ist sekundär.

 

Madeleine: Es ist wahnsinnig spannend, das sind jetzt wahrscheinlich auch Branchen-Themen, bei denen das funktioniert. Das hängt wahrscheinlich auch von der Expertise ab, was das Unternehmen inhouse aufbauen möchte, oder was man halt über extern macht, je nachdem, was nun in Zukunft kommt. Siehst du da noch neue Trends, die sich aufzeigen werden, wenn ich jetzt mal die nächsten fünf Jahre in den Fokus nehme?

 

Bernd: Die Marktversion, die wir haben, ist diese ganzheitlich vernetzte Welt. Das ist eine Version, mit der wir Megatrends angehen können. Z. B. Klimaveränderung, ganz losgelöst von Technologie, ist das ein riesiges Thema. Wahrscheinlich da größte Thema, was wir in der Gesellschaft lösen müssen. Das ist jetzt wegen der Pandemie ein bisschen untergegangen, aber es kommt sicherlich wieder. Jedes Unternehmen muss sich die Frage stellen, was es tun kann und wie es seinen eigenen CO2-Fußabdruck reduzieren kann. Da sind auch wir von der Software AG aktiv. Wir nutzen Technologien, um unseren eigenen CO2 -Fußabdruck zu reduzieren. Aber wir bieten natürlich auch unsere digitalen Plattformen an cumolocity.io, etc. also die Integrations- und die IoT-Plattform, die bei uns zusammenschmelzen, um auch anderen Unternehmen zu helfen, ihren CO2-Outout zu reduzieren.

Das machen wir z. B. mit Smart-City in Dubai und mit Smart Water-Management in Australien. Wasser ist in Australien eine kritische Ressource. In der alten Welt hat man gewartet, bis jemand anruft und sagt, „hier läuft ziemlich viel Wasser über die Straße, da ist was kaputt“. In der heutigen Welt ist es so, dass du vollautomatisiert die Wasserverteilung und die Distribution siehst. Wenn also irgendwo ein Wasserrohrbruch ist, wirst du sofort darauf hingewiesen, weißt sofort, wo das ist, und kannst deine Teams hinschicken. Du siehst sofort Wasserverbrauche, Abnormalitäten und sowas passiert jetzt immer mehr. Wir als Softwaregeber möchten da auch eine Rolle spielen und liefern unsere Technologie, um da auch einen positiven Beitrag zu leisten.

 

Madeleine: Das ist auch ein Stück weit das Schöne, dass man mit dieser Technologie auch tolle nachhaltige Lösungen schaffen kann. Wir haben bei uns jetzt auch eine eigene Kategorie zum Thema Nachhaltigkeit aufgemacht, weil wir mittlerweile so tolle Beispiele dazu haben, auch von unseren Mittelständlern.

 

Bernd: Wir haben da von unseren Kunden zwei Beispiele im Industriebereich. Das eine, ist ein Kupferkabel-Hersteller, und der kann durch diese EDGE Realtime Analytics, die wir dort installiert haben sofort erkennen, wenn irgendwo Qualitätsprobleme sind, und die Produktion anhalten. Vorher ist diese noch 1-2 Minuten weitergelaufen und hat noch mehrere Kilometer Kupfer hergestellt, obwohl die Kupferleitungen qualitativ nichtmehr gut waren. Er musste das dann als Waste rausschneiden. Jetzt kann er das in einem 100el Millisekunde- Bereich sofort analysieren und stoppen, dadurch entstehen nur ein paar Meter Ausstoß. Das sind 99% weniger Ausstoß. Wenn man das bedenkt, ist das natürlich enorm.

Ein anderes Beispiel ist DÜRR, einer der weltweit führenden Automobilzulieferer für Lackieranlagen. Der hat Analytics, und kann über die Datenanalyse der Roboter erkennen, ob die Qualität der Lackierung einwandfrei ist oder nicht. Und dies mit einer hohen Frequenz, 100.000 Datenpunkte pro Sekunde, die in unserer EDGE Technologie verarbeitet werden. Das ist besser als davor, die visuellen Checks von Mitarbeitern, die sich jede 5. oder 10. Karosserie angesehen haben. Das kann er jetzt alles automatisieren und sofort erkennen, ohne dass jemand die Karosserien anschauen muss. Das ist ein großes Ersparnis und eine riesige Erleichterung.

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Interviewpartner

Bernd Gross

Chief Technology Officer | Software AG

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